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4. Tag   LOS ANGELES

Pink
Heute soll nochmals die 30 Grad-Marke geknackt werden, bevor die Abkühlung auf angenehme 22 Grad erfolgen soll. Die Melrose Avenue zwischen La Brea und Fairfax ist eine beliebte Einkaufsstraße in Los Angeles. Die Melrose ist nicht nur eine meiner Lieblingsstraßen in Los Angeles, sondern auch ein Paradies für Straßenfotografie. Wenn man dort Einheimische anspricht und fragt: „Where is the Pink Wall?“, bekommt man sofort die Adresse. „The Pink Wall” ist Instagrams meist fotografierte Hauswand. Die Mädels posen vor dem Paul Smith Store, als würde gleich ein Casting starten. Ich verstehe nicht, was an dieser rosa Wand interessant sein soll. Ich schaue dem lustigen Treiben nur kurz zu, und schaue mir lieber die Murals von RETNA aka Marquis Lewis in der Umgebung an. Sein Stil ist einzigartig, ein Mix aus gotischer Schrift, ägyptische Hieroglyphen, arabische und hebräische Kalligraphie.

Der Würfel
Ich fahre auf dem Sunset Boulevard in West Hollywood entlang. Ich lege einen Stopp am Emerson College ein. In diesem futuristischen Gebäude ist das Emerson College Los Angeles Center zuhause, ein Privatcollege für Kommunikationwissenschaften. Der quadratische Würfel wird von zwei mächtigen Wohntürmen dominiert, verbunden mit einer Multifunktion-Plattform aus Klassen- und Lehrräume, Büros und einem Speisesaal. Eine der schönsten Architekturmotive in Los Angeles und nicht umsonst unter meinen Top 50. Wie viele Architekturmotive wirkt das Gebäude am besten in der Morgen- oder Abenddämmerung.

Rückblick 3/2018: Ursprünglich habe ich vor am vierten Tag in Long Beach zu übernachten. Zu Sonnenuntergang die RMS Queen Mary fotografieren, Abendessen im Ellie’s und zum Ausklang ein kühles Bier in der Beachwood Brewery. Zu Sonnenaufgang zur Korean Bell of Friendship und dann über dem Palos Verdes Drive nach Santa Monica. Die Liste mit Fotospots in Los Angeles ist aber dermaßen lang, da fällt die Entscheidung leicht eine weitere Übernachtung im InterContinental zu verbringen. Positiver Nebeneffekt, die letzten beiden Übernachtungen werden durch das „Stay Longer and Save” Special um die Hälfte günstiger.

Der Strip
Der Sunset Strip gehörte zu meinen Lieblingsstraßen in Los Angeles. Die eineinhalb Meilen des Sunset Boulevard zwischen West Hollywood und Beverly Hills war in den 60er Jahren der Treffpunkt von vielen Musikern. Die berühmten Clubs The Roxy, Whiskey a Go-Go und Viper Room gibt es zwar immer noch, aber die aufregenden Zeiten sind schon seit einer gefühlten Ewigkeit vorbei. Viele alteingesessene Geschäfte, Clubs und Theater wurden seitdem geschlossen – The House of Blues, Tower Records, Larry Flynt’s Hustler Hollywood Boutique, Tiffany Theater usw. An dessen Stelle stehen jetzt gesichtslose Apartments, Hotels und Restaurants. Das einmalige Flair des Sunset Strip ist Geschichte und ich habe auch keine Lust meine Zeit dort zu verschwenden.

Am östlichen Ende des Sunset Strips ist der Abzweig zum Laurel Canyon Boulevard. Der Laurel Canyon, in den Hollywood Hills von Los Angeles, zwischen Sunset Blvd und Mulholland Dr, war einst Wohnort vieler berühmter Musiker, unter anderem Joni Mitchell, Crosby, Stills, Nash & Young, Jackson Browne, Cass Elliot, Jim Morrison, Carole King, John Mayall, Iggy Pop, Frank Zappa usw. Da würde ich doch am liebsten zurück in die 70er reisen...

Glas und Stahl
Ein Architektur-Klassiker ist das Stahl House aka Case Study House #22. Der Architekt Pierre Koenig entwarf 1959 diesen modernen Glasbau für den American-Football-Spieler C. H. Stahl. Großflächige Verglasungen mit Stahl sieht man heute überall, aber damals in den 1950er Jahren eine einzigartige Bauweise. Der L-förmige Bau ist auf einem Steilhang in den Hollywood Hills errichtet, der als nicht bebaubar galt. Der südliche Gebäudeflügel ist vom Boden bis zum Stahldach vollständig verglast und bietet von allen Räumen die Aussicht auf Los Angeles und dem Pazifik. Alleine der Blick vom Pool durch das Glasgebäude hindurch auf das Häusermeer ist grandios. Das Stahl-House ist noch heute im Besitz der Familie. Damals hat es 37,651 $ gekostet, heute liegen die Kaufangebote im zweistelligen Millionenbereich. Das Stahl House kann man besuchen, zwei Führungen finden am Nachmittag statt, eine am Abend. Fotografieren ist erlaubt, leider nur mit einem Smartphone.

Lichter der Nacht
Am Spätnachmittag mache ich einen Spaziergang am nordöstlichen Rand von DTLA. Eine Reihe von interessanten Gebäude liegen quasi nebeneinander, unter anderem die City Hall, LA Times, Los Angeles Police Department und Caltrans. Das graue Gebäude gegenüber der City Hall ist der Sitz vom California Department of Transportation. Es rühmt sich die größte Haunummer zu besitzen. Drei riesige Ziffern zeigen die Hausnummer entlang der Straße. Beeindruckend ist nicht nur die außergewöhnliche Architektur, sondern vor allem die nächtliche Beleuchtung. Die vierstöckige Lichtinstallation „Motordom” mit roten und blauen Lichtröhren ist die größte öffentliche Kunstinstallation in Los Angeles. Leider fällt die Lightshow an diesem Abend aus.

DTLA ist von vier Freeways umschlossen – im Norden und Osten vom Santa Ana Freeway, im Süden vom Santa Monica Freeway und im Westen von der California State Route 110. Nirgendwo sonst in DTLA lassen sich Wolkenkratzer und Straßenverkehr so eindrucksvoll fotografieren, wie entlang der 110er zwischen der W 3rd und W 6th Street. In den Nebenstraßen lungern Obdachlose und schräge Gestalten herum. Ich wäre lieber zu zweit unterwegs, aber es ist bei weitem nicht so schlimm wie in der 6th St. Ich stelle das Stativ auf die Brücke und mache einige Langzeitbelichtungen. Paar Minuten später fängt an zu tröpfeln und kurz darauf sind grelle Blitze am Nachthimmel zu sehen. Ich ahne nichts Gutes, packe die Kamera zusammen und mache mich auf dem Weg zurück ins Hotel. Kurze Zeit später geht ein heftiges Gewitter über Los Angeles nieder. Fast hätte ich es trocken zurück geschafft, aber nur fast.

Steak
Der Regen macht hungrig! Am späten Abend besuche ich das französische Steakhaus La Boucherie. Das Ambiente in der 71. Hoteletage mit direkten Blick auf Los Angeles ist überwältigend und auch die Bar ist ein Hingucker. Zum Einstieg gibt es einen DTLA, ein Mix aus Gin und was weiß ich noch. Nach einem eher mittelmäßigen Brot folgt ein Hamachi Crudo oder auch Gelbschwanz-Makrele. Es ist anscheinend jetzt Mode, dass man zum Steak das Messer auswählen darf. Damit schmeckt es auch nicht besser oder schlechter. Das Dry Aged NY Strip ist wie gewünscht „Medium Rare” zubereitet. Bei der Größe muss ich aber passen, das hätte auch für zwei Personen gereicht.

5. Tag   LOS ANGELES › MALIBU › TOPANGA › SANTA MONICA

Elysian
Skylines von Großstädten sind eine meiner Lieblingsmotive. Diesmal habe ich den Elysian Park ausgewählt. Elysian Park, gegründet 1886, ist der älteste und nach Griffith Park der zweitgrößte Park in Los Angeles. Der Park ist vom Echo Park, Chinatown, Cypress Park und Elysian Valley umgeben. Der Pasadena Freeway aka Arroyo Seco Parkway verläuft durch den Park. Dazu gehört auch der Chávez Canyon, wo heute das Dodger Stadium steht. Apropos Stadion, wenn 2020 das Los Angeles Stadium fertiggestellt wird, ist es mit 5 Milliarden USD Baukosten das teuerste Stadion der Welt. Die Los Angeles Police Academy befindet sich ebenfalls im Elysian Park. Zahlreiche Wanderwege verlaufen kreuz und quer durch den Park, Touristen trifft man hier selten an. Ich halte an der Park Bridge. Keine Menschenseele ist im Wohngebiet zu sehen. Von hier aus hat man eine schöne Aussicht auf dem Freeway und die Wolkenkratzer. Ein Iconic-Spots in Los Angeles. Eigentlich möchte ich noch hinauf zum Angels Point. Die Aussicht vom Hügel auf das Dodger Stadium und Downtown Los Angeles ist fantastisch, aber die Schlechtwetterfront hängt immer noch über Los Angeles. Ich lasse Angels Point sausen und mache stattdessen eine Tankstellen-Tour.

Union 76
Erster Stopp ist die die Tankstelle an der Ecke Cresent Dr/Santa Monica Blvd. Das Bauwerk (1965) von Architekt Gin Wong gilt als eine der schönsten Googie-Bauten. Das Bauteil wurde ursprünglich für den Los Angeles International Airport entworfen und sollte das Theme Building ergänzen. Dort wurde es aber nicht angebracht, sondern endete als Dach auf einer Tankstelle. Die enorm gewölbte Form erinnert mich an ein riesiges Raumschiff. Mit einem Superweitwinkel ergibt es eine abstrakte Tiefe. Eine moderne Version ist die United Oil Gas Station an der Kreuzung La Brea/Slauson. Die 2009 errichtete Tankstelle ist eine Reminiszenz an die Googie-Architektur.

Helios House
Das Helios House gehört zu den weniger bekannten Architektur-Sehenswürdigkeiten. Die Tankstelle befindet sich am West Olympic Blvd, etwa auf halbem Weg zwischen DTLA und Santa Monica. Es ist keine x-beliebige Tankstelle, sondern die erste LEED-zertifizierte Tankstelle in Los Angeles. Die ARCO-Tankstelle verfügt über Regenwassernutzung und Solar-Photovoltaik. Recycelte Materialien werden im gesamten Gebäude verwendet. Davon abgesehen sieht das Helios House auch ganz anders aus als jede andere Tankstelle. Die Struktur besteht aus hunderten von dreieckigen Edelstahlpaneelen, die im dekonstruktivistischen Stil angeordnet sind. Nachts ist das Helios House mit energiesparender LED-Beleuchtung beleuchtet.

Traffic
Anschließend fahre ich nach Santa Monica, wo ich die nächsten drei Tage übernachten werde. Apropos Verkehr auf Freeways in Kalifornien. Wenn man ein paar Regeln beherzigt, wird es garantiert nicht langweilig. Immer mitschwimmen, damit fährt man gut und ist auch kein Verkehrshindernis. Nahezu niemand hält sich an die Höchstgeschwindigkeit, egal außer- oder innerorts. Auf dem Freeway ist +15 normal. Gängige Praxis ist rechts überholen, dicht auffahren, plötzlich aus- oder einscheren. Den Hinweis „Radar Enforced” sollte man nicht ganz wörtlich nehmen. Nach kurzer Eingewöhnungszeit kommt ich damit sehr gut zurecht.

Santa Monica
Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen und die Sonne blitzt hervor. An der Ecke Cloverfield/Broadway halte ich an um das Mural zu fotografieren. Künstlerisch sehr gut umgesetzt. Anschließen gehe ich zum frühstücken ins Milo & Olive. Laut meiner Recherche eine der besten Breakfast-Locations in Santa Monica. Vom Counter kann man direkt in die offene Küche blicken. Ich bestelle eine Breakfast Pizza (House Sausage • Potatoes • Pickled Chili • Fontina Cream • Mozarella • Farm Egg). Mal etwas anderes als immer nur Pancakes oder Omelet zum Frühstück. Der Teig ist knusprig, der Belag herzhaft. So muss eine gute Pizza schmecken.

Sechs Meilen westlich von Malibu befindet sich die El Matador State Beach. Die Sea Stacks und Sea Caves sind ein beliebtes Ziel von Landschaftsfotografen. Es ist Wochenende und ich gehe davon aus, dass der Strand von Einheimischen und Besuchern überlaufen ist. Dazu kommt noch der Wochenendverkehr zwischen Santa Monica und Malibu. Auch wenn die Gezeiten zu Sonnenuntergang heute optimal sind, fahre ich sofort dorthin und nicht erst am Nachmittag. Eine Alternative wäre zu Sonnenaufgang, leider ist das keine perfekte Konstellation im Oktober. El Matador ist eine Sunset-Location und nur im Dezember/Januar steht die Sonne optimal zu Sonnenaufgang. Auf dem Rückweg nach Santa Monica halte ich am Topanga State Beach und sehe die Surfer bei ihren gewagten Manövern zu. Über ein Dutzend Surfer tummeln sich im Meer. Schnell erkennt man, welche nur über das Wasser gleiten und welche ihr Surfbrett richtig beherrschen. Die Möwen schauen gelangweilt zu.

Wohin in Santa Monica abends essen gehen? Nachdem ich diverse Restaurantführer und Food Blogs studiert habe, stehen fünf Restaurants auf der Liste: Asiatisch im Cassia, progressiv im Dialogue, Pasta und Pizza im Milo & Olive, Modern American im Tar & Roses, italienisch im Via Veneto. Für den Hunger zwischendurch laufe ich zum HiHo Burger. Der Burger-Schuppen wirbt mit 100% grass-fed and 100% grass finished Wagyu. Das ist natürlich kein japanisches Wagyu, trotzdem, this is a tasty Burger! Ohne überladenen Schnickschnack und geschmacklich prima. Wer auf gute Burger in Santa Monica abfährt, da wären noch Pono Burger oder Shaka Shack Burger. By the way, Shaka Shack hat nichts mit der Burger-Kette Shake Shack gemeinsam.

Am Spätnachmittag checke im Shore Hotel ein. Das Boutique-Hotel liegt schräg gegenüber vom Santa Monica Pier. Das Hotel wurde 2011 auf dem Gelände des ehemaligen Travelodge und Pacific Sands Motel errichtet. Ich habe ein Zimmer mit Valet-Special für drei Nächte gebucht. Die Buchung direkt über das Hotel war günstiger, als wenn ich über Buchungsportale gebucht hätte. Das Zimmer ist stilvoll mit Teak eingerichtet. Vom Balkon kann ich direkt auf dem Pazifik blicken. Hier lässt es sich entspannt die nächsten drei Tage aushalten. Es ist sogar noch Zeit zu einem Strandbesuch. Bei diesem Menschenauflauf mache ich um das Santa Monica Pier einen großen Bogen. Es ist ein ganz anderes Publikum als in DTLA oder soll ich sagen, es fehlt Klasse. Vom Hotel sind es nur ein paar Minuten zu Fuß zu einem besonderen Restaurant in Santa Monica.

Bei diesem Menschenauflauf halte ich einen gebührenden Abstand zum Santa Monica Pier. Die Kirmesbuden und das ganze drumherum interessieren mich überhaupt nicht. Es ist ein ganz anderes Publikum als in DTLA oder soll ich sagen, es fehlt Klasse. Ich gehe barfuß am Strand spazieren und mache während des Sonnenuntergang noch einige Bilder vom Santa Monica Pier. Zurück im Hotel mache ich erstmal die Neoprenschlappen und das Stativ vom Salzwasser sauber. Mit einer großen Portion Hunger mache ich mich auf dem Weg zu einem besonderen Restaurant in Santa Monica.

Dialog
Dave Beran war 10 Jahre lang Chefkoch im 3 Sterne-Restaurant Alinea und Next in Chicago, bevor er im September 2017 das Dialogue eröffnete. Das DIALOGUE befindet sich in der Gallery Food Hall an der Third Street Promenade. Am Tag meiner Reservierung erhalte ich eine E-Mail, wie ich Zugang zum Restaurant bekomme. Eine unscheinbare Tür mit der Aufschrift „Private” sagt mir, dass ich hier richtig bin. Einfach die Tür öffnen, funktioniert nicht. Auch nicht, wenn ich anklopfe. Die Tür öffnet sich nur, wenn ich den Code an der Türvorrichtung eingebe. Das die Türe verschlossen ist, hat seinen Grund.
Dave Beran meint: „Wenn man über 250 $ für ein Dinner bezahlt, wollen die Gäste nicht, dass eine Familie mit Baseballkappen und Ice Cream-Tüten hereinkommt, nur um nachzusehen was sich hinter der Tür verbirgt.” Suboptimal finde ich die Location in einem Food Court. Das die derzeitige Lage keine Dauerlösung sein kann, weiß auch Dave Beran. Er sieht das Dialogue vorerst als Testküche, um bei entsprechender Resonanz in eine geeignetere Location umzuziehen.

Das Restaurant hat 18 Sitzplätze, davon acht Plätze am Counter. Ich sitze dort und sehe Dave Beran und seinen drei Köchen beim zubereiten zu. Ein Hauptwerkzeug ist die Pinzette um die Gänge wie kleine Kunstwerke aussehen zu lassen. Dave ist ein lockerer Typ und unterhält sich mit seinen Gästen am Counter. Zum 21-gängigen Menü bestelle ich das Non-Alcohol Beverage Pairing. Das Menü ist überaus progressiv, aber geschmacklich sehr zugänglich. Viele Produkte sind fermentiert oder dehydriert, jeder Gang besteht maximal aus drei Hauptkomponenten. Es beginnt mit einem Ausblick des Sommers, bevor es zum Thema Herbst kommt. Zum Ende kommt dann der Ausblick zum Winter. Die intensiven Aromen und Texturen fügen sich harmonisch zu einem wohl schmeckenden Konstrukt zusammen. Ich möchte keinen einzelnen Gang herausheben, jeder für sich löst eine Geschmacksexplosion aus, die ich auf diese Weise schon lange nicht mehr erlebt habe.

6. Tag   VENICE › TOPANGA › CULVER CITY › SANTA MONICA

Street Art
Die Touristenmeile Venice gehörte auf meiner ersten USA-Reise zum Pflichtprogramm. Venice Beach, Boardwalk, Muscle Beach fand ich damals nur grauenhaft. An die Obdachlosen und Junkies erinnere ich mich noch heute. 25 Jahre später kehre ich dorthin wieder zurück. Zuerst gehe ich frühstücken. Die Gjusta Bakery in Venice befindet sich in einem unscheinbaren Gebäude abseits der belebten Straßen. So unscheinbar, dass ich zuerst daran vorbei fahre. Bäckerei ist untertrieben, Feinkostladen trifft es eher. Im beschaulichen Hinterhof suche ich mir einen Plätzchen. Das Avocado- und Lachsbrot ist fantastisch, und der Cappu schmeckt auch. Das Highlight ist aber der Banana Creme Pie. Das ist der beste Banana Pie, den ich jemals gegessen habe.

Damals schenkte ich der Wandmalerei keine große Beachtung und so habe ich einiges nachzuholen. Je nachdem wie viel Zeit zur Verfügung steht, kann man eine kurze Tour entlang des Venice Boardwalk machen oder die Tour vom Ocean Front Walk bis hin zum Venice Boulevard ausdehnen. Venice lebt seine Klischees ganz ungeniert. Braun gebräunte Blondinen beim flanieren, aufgemotzte Jeeps am Straßenrand und Jungs mit ihrem Surf-Brett unterm Arm. Bereits um 8.30 füllt sich der Boardwalk. Großartige neue Architektur gibt es in Venice nicht zu sehen. Das Binoculars Building aka Chiat/Day Building ist natürlich das architektonische Schmuckstück in Venice. Das Binoculars Building vom Architekten Frank Gehry wurde 1991 für die Werbeagentur Chiat/Day errichtet. Der Gebäudekomplex besteht aus zwei unterschiedlichen Design, ein Boot und ein Baum. Die riesige Skulptur eines Fernglases verbindet beide Gebäude, und stammt von Claes Oldenburg and Coosje van Bruggen. Derzeitig befindet sich Google in diesem Gebäude.

Viele Murals am Ocean Front Walk sind in einem miserablen Zustand, so auch „Venice Reconstituted” (1989) von dem legendären Künstler Rip Cronk. Es wurde 2010 überarbeitet und schaut auch nicht besser aus. Auch sein Selbstporträt am Ocean Front Walk sieht bemitleidenswert aus. Meine Favoriten: „Jim Morrison” von Rip Cronk und „Touch of Venice” von Jonas Never.

Coolest Block in America
Das Wirtschaftsmagazin Forbes schreibt: „America’s coolest street is Abbot Kinney Boulevard.” Der mit Palmen gesäumte Boulevard, benannt nach dem millionenschweren Unternehmer Abbot Kinney, ist eine Shopping-Meile mit Boutiquen, Galerien, Cafés und Restaurants. Abbot Kinney steckte sein gesamtes Vermögen in die Nachbildung seiner Lieblingsstadt Venedig. 1905 wurde sein „Venice of America” mit Kanälen, Pier, Plaza, Pools und Kolonnaden eröffnet. Ich finde Abbot Kinney Boulevard hebt sich wohltuend von den anderen Shopping-Straßen ab, ob nun Melrose, Fashion District, Rodeo Drive, Sunset Strip oder Third Street Promenade. In Los Angeles spielt sich der Alltag normalerweise im Auto ab. Hier können Shopaholics die Geschäfte, Cafés und Restaurants zu Fuß erreichen. Es stört auch keinen, wenn Frau im knappen Bikini shoppen geht. Das gehört zum Beach-Lifestyle dazu. Ich verbringe den Vormittag bis Nachmittag mit flanieren, Kaffee trinken, Eiscreme schlecken und Murals fotografieren. Das Thermometer klettert auf 25 Grad und morgen soll es noch wärmer werden.

Der Venice Canal Historic District steht noch auf meiner Liste. Die Kanäle habe ich zwar noch nicht gesehen, und daran wird sich auch nichts ändern. Anstatt Kanäle fahre ich zum Topanga Canyon State Park, beworben mit „America's Largest Urban Wildland.” Die Tierwelt ist ausgesprochen vielfältig. Größere Tiere bekomme ich nicht zu Gesicht, kein Berglöwe, Luchs oder Kojote lässt sich blicken. Die Ruhe tut gut, nur das Gezwitscher der Vögel ist zu hören, ein wohltuender Kontrast zur Hektik in den Straßen von Santa Monica und Venice. Die 1.8 Meilen lange Wanderung hinauf zum Eagle Rock zieht sich hin, aber die Aussicht entschädigt dafür.

Da ich erst um 21.30 Uhr einen Tisch reserviert habe, schaue ich zuvor ins Father’s Office hinein. Ein Burger und eine Cola, das reicht zum überbrücken bis zum Abend. Auf den ersten Blick ist der Office Burger überladen mit Rucola, aber der wunderbare Geschmack des Burgers entfaltet sich genüsslich im Mund. Die Zutaten lesen sich auch prima – Dry-Aged Beef • Caramelized Onions • Gruyère & Maytag Cheeses • Applewood-Smoked Bacon Compote • Arugula. Es kommt sehr selten vor, dass mir ein Burger so gut schmeckt. Geschmacklich ist dieser Burger absolut top. Damit übernimmt Father’s Office Burger ganz klar Platz eins im Burger-Ranking. Father’s Office gibt es auch in Santa Monica, aber die Location in Culver City ist schöner.

Pterodactyl
Früher sonnte sich Culver City im Glanz seiner Filmstudios. Tarzan, Citizen Kane und King Kong wurden hier gedreht. Mit dem Ende des Goldenen Zeitalter Hollywoods begann auch der Niedergang von Culver City. Die Wiederauferstehung von Culver City hat maßgeblich der Architekt Eric Owen Moss beeinflusst. Seine extravaganten Architekturbauten prägen heute das Stadtbild von Culver City und Los Angeles, unter anderem der Samitaur Tower, Stealth, Umbrella, Waffle.

Das Pterodactyl an der Hayden Ave ist mein absoluter Favorit. Das Gebäude wurde für eine Werbeagentur auf einer viergeschossigen Parkgarage errichtet. Das Pterodactyl besteht aus neun rechteckigen Kästen, die übereinander und nebeneinander gestapelt sind. Grandiose Architektur, die in Deutschland an den Bauvorschriften scheitern dürfte. Übrigens die Werbeagentur nennt sich Omelet. In der Hayden Ave befindet sich auch das Restaurant Vespertine. Moss entwarf die „Waffle” für Starkoch Jordan Kahn. Hinter diesem extravaganten Gebäude befindet sich der Cactus Tower und ein riesiger Bambuswald. Die untergehende Sonne sorgt für eine schöne Lichtstimmung.

Cassia
Mit Jonathan Gold’s Bewertungen bin ich d’accord. In seiner letzten Ausgabe von 101 Best Restaurants Los Angeles ist ein asiatisches Restaurant ganz vorne platziert. Das CASSIA verbindet die Küche Südostasiens mit kalifornischer Lässigkeit. Das Restaurant befindet sich im Erdgeschoss eines Art Deco Gebäude. Hier kann man auch einfach so vorbeikommen, ohne unbedingt einen Platz reservieren zu müssen. Die großzügigen Räumlichkeiten bieten Platz für insgesamt 140 Gäste. Die Räumlichkeiten sind im nüchternen Industriedesign gehalten. Lustig finde ich die Lampen, die in Vogelkäfigen installiert sind.

Als Vorspeise bestelle ich Spicy Wontons. Meine Zunge ist überrascht von dieser Schärfe, aber es schmeckt herrlich aromatisch. Als Zwischengang gibt es Gurke mit asiatischen Salat. Eine fruchtiger, würziger Kontrast zum vorherigen Gang. Als Hauptgericht folgt Bratreis. Ach, warum ist die Portion nur so klein? Nachschlag bitte. Als Dessert gibt es einen Kaffernlimette Creme. Nicht ganz so aufregend wie die Gänge zuvor, aber das ist meckern auf hohem Niveau. Zum Abschluss nehme ich an der Bar noch einen fruchtig cremigen Piña Colada zu mir. Fazit: Vorzügliche asiatische Küche zum moderaten Preis.