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Segen oder Fluch?
...Fortsetzung von Teil 1.
In den meisten Fällen hat der Produzent Zugriff auf verschiedene Quellen. Zuerst einmal das originale Masterband „flat” (mit linearem Frequenzgang und der Stereosumme), eine Sicherheitskopie und eine Ü-Kopie (die für den Vinylumschnitt verwendet wurde). Um die Sache zu verkomplizieren, war es gängige Praxis, Kopien während des Umschnitts zu fertigen, an denen oft noch entscheidende klangliche Veränderungen vorgenommen wurden, meistens auf die Limitierungen der Schallplatte zugeschnitten. Dazu zählen etwa Kompressionen des Basses, um einen Betrieb auf Plattenspielern sicherzustellen. Wie mag wohl die CD klingen, deren Glass-Master (vereinfacht: der Prototyp zur Produktion) von dieser Quelle gefertigt wurde...? Wir wissen es (leider) alle... Zusätzlich ist manchmal noch das originale Multitrack-Band erhalten, mit dem man dann oftmals mit überzeugenden Ergebnissen einen Remix anfertigen kann. Der Aufwand entspricht dem einer Neuproduktion und das Ergebnis ist streng genommen natürlich nicht mehr das Original. Aber es scheint sich zu lohnen: Die Liste solch klanglich extrem aufgewerteter Remixes ist lang, von Abba (na ja) bis zu ZZ Top sind viele Klassiker erhältlich. Als positives Beispiel seien hier die Platten von The Who aus den Jahren ab 1969 aufgeführt. Ideal ist es natürlich, wenn der Produzent der Originalaufnahmen dies anfertigt bzw. überwacht, so geschehen beispielsweise bei dem Klassiker "At Fillmore East" der Allman Brothers, für das Tom Dowd verantwortlich zeichnet. Das klingt dann schlicht begeisternd.
Zusätzlich sind damals Aufnahmen für bestimmte Bedingungen geschaffen worden. Sie sollten auf Kofferradios oder auch HiFi-Anlagen „gut” klingen. Bestes Beispiel für eine „erwachsene” Produktion, für damals gerade erstmals gebaute HiFi-Anlagen, ist ohne Zweifel "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" von den Beatles, die 1967 erschienen ist. Die Platte war nicht nur musikalisch richtungsweisend, sondern auch klangtechnisch! Dagegen ist eine Aufnahme, die für die Wiedergabe auf einem kleinen Radio produziert wurde, schwer zu restaurieren. Wer hätte damals gedacht, dass erstens die Entwicklung der Stereoanlagen so voranschreiten würde und zweitens jemand solche Songs noch 35 Jahre später hören will?
Erinnern wir uns noch mal an die schon angesprochenen Ü-Kopien. Die waren ja analog kopiert, also eine Generation vom Master weg und in damaliger Zeit war das ein gewaltiger Unterschied. Zu Beginn der CD-Ära wollte jeder imponieren, mit der Zeit kam der Faktor Kosten mehr und mehr ins Spiel. Es wurden etliche Ü-Kopien (und schlimmstenfalls die beim Vinylumschnitt gefertigten und klanglich veränderten Bandmitschnitte) ohne weitere Bearbeitung entweder von uninteressierten Ingenieuren digitalisiert, oder der Auftrag lautete wegen der Kosten genau so! Damit ist klar, was das wichtigste beim Remastern älteren Materials ist: Man muss jeden Versuch unternehmen, das Original-Master zu bekommen, und alleine das kann schon eine kostenträchtige Detektivarbeit sein. Jeder Remaster-Ingenieur, der den Auftrag erhält und seine Arbeit ernst nimmt, wird ausser den selbstverständlichen Vorbereitungen wie Justage, Bandanalyse usw., sicher auch mehrere Hördurchgänge der Originalaufnahmen im Vergleich zur LP durchführen, um beurteilen zu können, was der Produzent rüberbringen wollte oder zumindest, auf welchen Klang man sich geeinigt hatte. Das Mastering fand oft unter absurden Bedingungen statt: Bei den Eagles-Aufnahmen waren die Abmischmonitore so ungünstig positioniert, dass der Tontechniker „immer mehr Bässe” reindrehte, die Cream-Platten wurden über Monitore gemischt, die in den Höhen keine 8 kHz schafften. Der Klang vieler Platten aus den 60ern oder 70ern hat natürlich auch etwas „zeitgeistiges” an sich. Darf man hier durch „verbessern” das Klangbild ändern? Hat das Band technische Mängel, durch deren Ausmerzen sich ein kaum zu rechtfertigender Eingriff ins Klangbild ergäbe?
Dies ist der schmale Grat, auf dem sich das gesamte Remastering bewegt. Das digitale Mastering ist aber mittlerweile so ausgereift, dass es erstaunlich gut gelingt, den Klang so nachzuentzerren, dass eine extrem klangliche Verbesserung erreicht wird, ohne der Musik ihren Charme zu nehmen.
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Hall of Shame: Eigentlich verwunderlich, dass gerade ein Label, das auf High-End spezialisiert ist, eine remasterte CD von Canned Heat auf den Markt brachte, die geradezu grottenschlecht klang. Obwohl der Hinweis auf das Original-Master des öfteren im Booklet erscheint, kann man davon ausgehen, dass dem nicht so war: Der Bass hört sich an, als klopfe ein Specht an’s Holz, die Mitten unausgeglichen und die Höhen spitz. Damit hat sich Zounds keine Meriten verdient. Mit fast 40 DM war diese CD zudem noch total überteuert. Ok, das sind Songs, die Ende der 60er entstanden sind. Wenn man dann allerdings die Remaster der selben Aufnahmen des Magic-Records Labels anhört, wird schnell klar, wer seine Hausaufgaben gemacht hat. Die klingen so unwahrscheinlich viel besser, als seien die Aufnahmen neu! Die hatten wohl das Master... ohne groß damit Werbung zu machen!
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Damit sind wir bei Hörgewohnheiten. Vor 30 Jahren waren die Stereoanlagen nicht in der Lage, Musik auch nur andeutungsweise authentisch zu übertragen. Vor allem die Plattenspieler hatten oft Abtastprobleme, so dass beim Vinylumschnitt oft der Bass so nachentzerrt wurde, dass die Platte auf jedem durchschnittlichen Plattenspieler lief. Was war die Folge? Die Leute bedienten sich aller Klangregelmöglichkeiten ihrer Verstärker, um „nachzupolieren”. Wer heutzutage über eine gute Anlage verfügt (und damit meine ich keineswegs eine aus dem High-End-Bereich), hört CDs, die hervorragend remastert wurden, in einer damals unvorstellbaren Qualität: Das Equalisieren des Remaster hat erreicht, was der Phasendreher-Dreck der Klangregler nie geschafft hatte: satte trockene Bässe, angenehme Mitten und fein aufgelöste Höhen, und das alles bei linearem Frequenzgang. Damit kann endlich der letzte seine idiotische Loudness-Taste abschalten, die Klangregler sowieso!
Die ganze Remaster-Szene hat ihre eigenen Stars hervorgebracht: Vorausgesetzt, die enthaltene Musik trifft den eigenen Geschmack, kann man CDs, die von Bob Ludwig, Joe Gastwirt, Mike Brown oder dem schon vorgestellten Eroc remastered wurden, bedenkenlos kaufen. Da kann man sicher sein, das maximal mögliche an Klang zu bekommen. Die Liste ist allerdings nicht auf diese vier beschränkt, es sind aber die bekanntesten.
Was ist nun das Fazit? Segen oder Fluch? Irgendwie beides. Segen klanglich, sicher bzw. fast immer. Fluch wegen der Kosten. Mancher (wie ich) hat eine Platte jetzt dreimal: Etwa "L.A. Woman" von den Doors. Eine LP, die erste CD, eine remasterte CD, die zwei Jahre alt ist und zu allem Übel gibt’s jetzt von DCC eine neue Remasterauflage. Die auch noch kaufen? Der Frust sitzt tief...
Quelle: STEREO ©2001

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